Chris Williams
  • animago.Redaktion
  • hinzugefügt am
  • 27.10.09 um
  • 13.32 Uhr
Interview: Pixar-Regisseure Chris Williams und Nathan Greno
Im Rennen der „Besten internationalen Kinoproduktion war neben „Oben“ auch der Disney-Animations-Film „Bolt“. DIGITAL PRODUCTION sprach mit dem Chris Williams und Story-Supervisor Nathan Greno über Kurzfilme und die Arbeit bei Pixar.

Für das Animations-Abenteuer mit dem treuherzigen Schäferhund Bolt hat Walt Disney Animation seine CGI-Künste perfektioniert. Im ersten Disney-Film, der in die Kinos auch in stereoskopischer „Disney Digital 3D“-Technik kam, kann man die feuchte Schnauze des Vierbeiners nahezu spüren und das kuschelige, schneeweiße Digitalfell ist fast zum Greifen nahe. In weniger als zwei Jahren produzierte ihn eine rund 500-köpfige Crew mit 62 Animatoren in einem straffen Zeitplan. Teamwork war also gefragt, damit der quirlige Bolt mit seinen flinken Pfoten die Fährte großer Disney-Hundklassiker wie etwa „Susi und Strolch“ aufnehmen konnte.

Kein geringerer als Pixar-Pionier John Lasseter war hier als Chief Creative Officer verantwortlich am Werk, während die jungen, talentierten Chris Williams und Byron Howard als Co-Regisseure ihr Debüt gaben. Williams war zuvor einer der zentralen Figuren im Story-Department von „Mulan“, während Howard unter anderem auch für „Lilo & Stitch“ arbeitete.

Neben CGI-Hund Bolt lebt der gleichnamige Streifen auch von seinen weiteren tierischen Hauptdarstellern, wie der eigenwilligen Straßenkatze Mittens und dem hyperaktiven Goldhamster Rhino beziehungsweise Dino, wie er in der deutschen Synchronfassung heißt. Letzterer hat sich innerhalb seiner durchsichtigen Laufkugel, so in die Herzen des Teams und der Zuschauer gerollt, dass ihm in bester Disney-Manier eine eigene Hauptrolle in einem gesonderten Kurzfilm gegeben wurde. Disneys-Renderfarmen wurden also noch mal vier Monate zum Kochen gebracht, um dem wuseligen Sympathieträger in „Super Rhino“ auf DVD- und Blu-ray einen mehrminütigen Starauftritt als Superheld zu gewähren. Insgesamt zeigt das gesamte DVD- und Blu-ray-Release von „Bolt“, dass sich der Film auch bestens ohne stereoskopische Fassung in den heimischen Wänden genießen lässt: rasanten Action-Szenen und Comedy-Momente verzaubern den Zuseher, hinterlassen auch im Home-Cinema in hinreisender, farbenfroher Disney-Manier einen bleibenden Eindruck.
DIGITAL PRODUCTION traf sich mit „Bolt“-Regisseur Chris Williams und chattete mit Story-Supervisor und „Super Rhino“-Kurzfilm-Regisseur Nathan Greno, um mehr über die Zusammenarbeit mit John Lasseter, 3D-Techniken und die Kurzfilmtraditon im Animationsgenre zu erfahren.

DP:
Chris, damals auf dem fmx-09-Festival in Stuttgart hast Du in Deutschland auch Deinen noch eher unbekannten Kurzfilm „Glago’s Guest“ gezeigt. Wie war das für Dich?
Chris Williams: Aufregend, neben einem Vortrag zu „Bolt“ habe ich ebenfalls Storyboards von „Glago’s Guest“ vorgeführt. Gerade bei „Glago“ bin ich immer sehr gespannt auf die Reaktionen des Publikums, denn er ist ja noch eher unbekannt. Im Moment hat Disney noch nicht den richtigen Feature-Film gefunden, mit dem er veröffentlicht wird.
Es geht um einen russischen Soldaten in den 20er Jahren, der einen abgelegenen Außenposten besetzt. Jeden Tag macht er dieselben Dinge: spricht mit niemanden, geht seine Patrouille. Sein Leben ist leer, festgefahren – er ist einsam. Doch auf einmal bringt ein gewaltiger, besonderer Besucher sein Leben völlig durcheinander. „Glago“ wird mit einigen Kreaturen konfrontiert, für die wir aufwendige Crowd-Simulationen eingesetzt haben. Sie sollten sich abwechselnd wie etwa ein Schwarm von Vögeln sehr synchron in der Gruppe und dann wieder abwechselnd individuell bewegen.

DP: Sieht aus, als würde sich der Film von der archetypischen Disney-Welt unterscheiden.
Chris Williams: Als John Lasseter zu Disney kam, sammelten wir Ideen für Kurzfilme. Ich habe bei einem Pitch sechs Ideen abgegeben und „Glago“ war der Film, der am wenigsten Disney-like war, er war nicht so cartoonig, eher anspruchvoll. John war allerdings Feuer und Flamme für die tiefe Story. Es war schön zu sehen, dass es in seinem Universum keine künstlichen Stil-Barrieren gibt. Ich habe mich natürlich gefreut, dass er sich gerade für diesen Film entschieden hat. Ich mag, dass der Zuseher von der Story und vom Ton her überrascht wird und sich ebenfalls Disney für das Projekt stark gemacht hat. Die Sache bei Kurzfilmen ist ja, dass sie eigentlich nur Geld kosten, da geht es nicht um ausgeklügelte Business-Modelle, sondern eher darum, dass Firma und Filmmacher ihre Leidenschaft für den Animationsfilm unterstreichen.

DP:
Kurzfilme haben ja gerade im Animationsfilm Tradition. Bestes Beispiel ist wohl Pixar.
Chris Williams: Stimmt, und es ist auch etwas, das John sehr am Herzen liegt. Diese kleineren Projekte versprühen eine inspirierende, kreative Stimmung. Die Animations-Teams sind oftmals kleiner, Crewmitglieder können sich an die Regie für zukünftige Feature-Film-Projekte herantasten, ohne das ein übermäßiger Druck des Studios auf ihnen lastet, was sehr nützlich ist.

DP: Gutes Stichwort. Nathan, hat Dir Dein Regie-Debüt beim „Bolt“-DVD-Kurzfilm „Super Rhino“ geholfen?
Nathan Greno: Das Kurzfilm-Programm bei Disney ist toll, es gibt einem die Möglichkeit bereits auf einem abgespeckten Level Regie zu führen. Man bekommt sozusagen schon mal nasse Füße, bevor man komplett in den Pool mit dem kalten Wasser springt. Ich kannte vorher nur ausgewählte Teile der Produktions-Abteilungen, bevor wir mit dem Kurzfilm-Projekt starteten. „Super Rhino“ gab mir die Möglichkeit, alle Teile des Studios kennenzulernen, was mir auch half, in die neue Rolle des Regisseurs für „Rapunzel“ hineinzuwachsen. Ich war allerdings überrascht, wie viel Arbeit die filmische Umsetzung bedeutet. Im Story-Department skizzieren wir oft einfach nur unsere Ideen, die Kosten sind Blatt und Papier – da brauchen wir vielleicht 3 Minuten, um eine neue Location zu zeichnen. Später dauert es dann Wochen, dieses Set für die Produktion umzusetzen!

DP:
Wie seid Ihr mit dem Team auf die Idee gekommen, gerade dem Hamster Rhino eine Hauptrolle zu spendieren?
Nathan Greno: Er war einer unserer Lieblingscharakter im Film, ich wollte etwas Besonderes mit ihm anstellen. Nachdem wir Ideen für das zusätzliche Bonusmaterial der DVD suchten, fiel die Wahl beim Pitch schnell auf Rhino. Es gab noch andere gute Alternativen für Storys, aber John Lasseter war von „Super Rhino“ am meisten begeistert.

DP:
Wie war es für Euch mit Lasseter zu arbeiten?
Nathan Greno: Fantastisch! Er ist brillant und ein richtiger Teamplayer. Vor allem weiß er perfekt, wie man in jegliche Szene noch mehr Entertainment hineinbekommt. Es ist verrückt, er kann jede bereits gute Idee aufgreifen und noch besser machen. Man lernt jeden Tag von seiner Erfahrung ...
Chris Williams: ... stimmt, er spricht alle „Sprachen“ in Sachen Filmproduktion, vom Staging, über Animations-Techniken, bis hin zum Lichtsetzen. Er versucht stets, den Film besser zu machen. Ich habe von ihm gelernt, dass man immer offen für neue Ideen sein sollte. John ruht sich nie aus. Man hört von ihm an jedem Punkt der Arbeit den Satz: „Könnten wir das nicht auch besser machen?“, selbst, wenn etwas perfekt zu sein scheint. Man kann sich nicht ausruhen – niemand am Set! Im Moment tauschen er und ich gerade Ideen für einen neuen Feature-Film aus. Es wird ein CG-Abenteuer, wird sich aber nicht, wie die anderen neuen Disney-Werke, in der Märchenwelt abspielen.

DP:
Was ist gerade bei der Umsetzung eines Kurzfilms die größte Herausforderung?
Nathan Greeno: Das Schwierigste ist es, die kurzen Deadlines einzuhalten. Wobei „Super Rhino“ noch dazu ein komplexer Kurzfilm mit vielen Action-Szenen war. Es war außerdem eine Doppelbelastung für mich, da wir zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem kommenden „Rapunzel“-Projekt starteten, bei dem ich als Co-Regisseur fungiere …

DP:
... und einen 5-minütigen Kurzfilm macht man wahrscheinlich nicht nebenbei?
Nathan Greno: Nein, obwohl es Kurzfilm heißt dauert es lange, diese kleine Kerle in Szene zu setzen. Wir hatten 4 Monate dafür.

DP:
War es für das Animations-Team nicht schwierig Rhino zu animieren. Er sitzt ja sehr oft in seiner Kugel fest?
Nathan Greno: Klar, es ist eine Herausforderung. Das Schöne ist aber, dass einige der Jokes gerade nur deswegen funktionieren weil er in dieser Kugel steckt. Manchmal können die Limitierungen einer Figur sich auch zu ihrem Vorteil entwickeln.

DP:
Was entwickelt man bei einer Figur zuerst: den Look des Charakters mit seinen physischen Merkmalen oder die Personality?
Nathan Greno: Aussehen und Persönlichkeit werden im besten Fall zur gleichen Zeit entwickelt. Wenn sich der Charakter einer Figur formt, prägt sich meist auch die Persönlichkeit weiter aus.

DP:
Was war das Ziel beim Bolt-Charakter?
Chris Williams: Unser Ziel war, dem Hund nicht nur simple, menschliche Züge zu übertragen, wir wollten zum Punkt vorstoßen, warum Menschen Hunde so lieben. Wir wollten mit unserer Story ihre Treuherzigkeit und Hingabe für ihren Besitzer darstellten. John Travolta kam uns deswegen schon früh für die Synchronstimme in den Sinn – er kann toughe Kerle spielen, aber gleichzeitig sehr warmherzig sein. Das macht ihn auch so interessant, selbst wenn er Killer spielt, spürt man trotzdem das Herz dieser Person.

DP:
Kann „Bolt“ auf der heimischen DVD-Fassung denn die gleiche emotionale Wirkung erzeugen, wie die stereoskopische Kino-Version in „Disney Digital 3D“?
Nathan Greno: Natürlich erzeugen die Szenen in der konventionellen 3D-Fasssung ein unterschiedliches Erlebnis, wie in der stereo­skopischen Variante, besonders, wenn man an die Anfangsaction-Sequenz oder die Szenen mit extremer Tiefe denkt, etwa wenn hoch über einem eine Kulisse hinwegfliegt oder Ähnliches. Andererseits kann die herkömmliche Art des Films dem Fokus des Betrachters mehr Ruhe einräumen. Er kann unsere guten Bildkompositionen besser genießen.
Die Stereo-Effekte können beim Zusehen des Films sicherlich eine Menge Spaß machen, aber Emotionen, Comedy, Action – das alles funktioniert auch bestens ohne 3D.

DP:
„Bolt“ war ja von Anfang an als stereoskopische 3D-Fassung für das Kino konzipiert.
Chris Williams: Ja, das stand von Beginn an fest, deswegen gab es auch eine komplett eigene Abteilung, die sich nur um diesbezügliche Technikaspekte kümmerte. Wir haben allerdings niemals von ihnen gehört, dass wir irgendwelche Szenen nicht auf Grund der Stereo-Version machen können. Andererseits haben wir die neue Dimension auch nicht für plumpe Effekthascherei benutzt. Es sollte vor allem die Story unterstützten und das Erlebnis des Zusehers nicht mit den Eindrücken überladen. Man muss mit der neuen Stereo-Technik vorsichtig umgehen, damit es nicht zu stark von der Handlung ablenkt.

DP:
Oftmals sind die ruhigen, emotionalen Szenen mit den CG-Charaktern viel schwieriger umzusetzen.
Chris Williams: Ja, Action-Szenen sind auch aufwendig, allerdings eher von der Planung und vom logistischen Standpunkt her. Auf ruhigere, gefühlsbetonte Momente muss man langfristig hinarbeiten. Sie funktionieren nicht auf Knopfdruck. Man muss den gesamten Film im Hinterkopf haben, wenn man eine emotionale Szene kreiert. Wenn man es richtig macht, gewinnt man damit die Herzen des Publikums, und das ist sehr befriedigend. Etwa als die Katze Mittens Bolt aus ihrer bewegten Vergangenheit erzählt, mussten wir alles feinfühlig abstimmen, haben die Szene wieder und wieder verfeinert, bis wir die Wahrheit dieses Augenblicks einfangen konnten. Sie ist jetzt eine meiner Lieblingsszenen, denn es macht Spaß zuzusehen, wie sie beim Publikum ankommt und es berührt.

DP:
Wird der Boom der stereoskopischen 3D-Filme anhalten?
Chris Williams: Studios und die Kinos machen einen großen Hype um die stereoskopische 3D-Technik und die Leute in den USA nehmen sie gut an, letztlich liegt es ja auch in ihren Händen, ob sie sich durchsetzt. Aber sie gehen ja nicht wegen des „Disney Digital 3D“-Logos ins Kino. Unsere Aufgabe beim Story-Department ist es also, weiterhin gute Geschichten zu schreiben, auf dessen Gerüst sich die Filme stützen.

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Detail, 11.03.10
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