Porsche 917
  • animago.Redaktion
  • hinzugefügt am
  • 26.10.09 um
  • 17.34 Uhr
Making of "Porsche 917"
Firma jangled nerves hat mit "Porsche 917" eine die Rennsportlegende eindrucksvoll visualisiert. Unser Making of zeigt alle technischen Hintergründe zur 32:9-Produktion für das Porsche-Museum.

Starker Auftritt einer Legende

jangled nerves aus Stuttgart hat sämtliche Medien des neuen Porsche-Museums konzipiert und produziert. Höhepunkt ist dabei der Film über die Rennwagenlegende „Porsche 917“. Wenn der historische 917 bei über 300 km/h über die Rennpiste donnert, dann müssen die Aufnahmen den Vergleich mit Hollywood-Produktionen nicht scheuen. Entstanden ist der Film vom ersten bis zum letzten Bild im Rechner.

von Constantin Schnell 

Schon von außen ist es ein echter Hingucker: das Ende Januar 2009 eröffnete Porsche-Museum. In Stuttgart-Zuffenhausen ruhen rund 35.000 Tonnen Stahl, Beton und Glas auf drei Stützenpaaren. Was außen spektakulär wirkt, ist im Innern nicht weniger anspruchsvoll. Die Ausstellung präsentiert die Firmen- und  Produktgeschichte einer der legendärsten Automarken der Welt. Das Ausstellungskonzept der Stuttgarter Architekten HG Merz stellt die Autos konsequent in den Mittelpunkt. Der Besucher soll sich ganz auf die rund 80 Porsche-Originale konzentrieren können – keine Fenster lenken ihn ab. Das Porsche-Universum in seiner Gesamtheit erschließt sich durch den tragbaren Audioguide und die kurzen, individuell betrachtbaren (Dokumentar-) Filme.

Konzeption des Audioguides
Für die Konzeption und Produktion der audiovisuellen Elemente der Ausstellung, also des Audioguides und sämtlicher Filme, waren die Spezialisten der Stuttgarter Firma jangled nerves zuständig. „Die Hörebene ist zentraler Bestandteil des Ausstellungskonzeptes“, erläutert Projektleiter Marcus Groß. „Wir haben insgesamt rund 120 Minuten Audioguide produziert; für Kinder und Erwachsene gibt es unterschiedliche Profile, insgesamt sind es 108 Stationen. Dazu kommen rund 50 Filme.“ Was sich in schlichten Zahlen so einfach anhört, war ein hartes Stück Arbeit. Das Projekt hat ein Team von 20 Mitarbeitern über zwei Jahre auf Trab gehalten – immerhin mussten rund 60 Jahre Firmengeschichte und das gesamte Porschearchiv aufbereitet werden. Genau wie in der Ausstellung selbst sollten auch in den kurzen Filmen die Autos und deren Erbauer für sich stehen – ohne zusätzliches Material und ohne Verzierungen wie Soundeffekte oder bombastische Musik. Porsche pur gewissermaßen. Projektleiter Groß freut sich, dass viele „alte Kämpen“ aus der Entwicklungs- und Rennsportabteilung des Autobauers im O-Ton zu hören sind, denn „da kommt der Geist von Porsche authentisch rüber“.

Faszination Porsche 917
Genau dieser Geist sollte auch im filmischen Höhepunkt der Ausstellung zum Vorschein kommen. Unter Motorsportfreunden ist der Porsche 917 eine Legende, denn der Wagen beherrschte vier Jahre lang den Rennsport in der so genannten Sportwagen-Klasse. Mit dem 917er wurde Porsche 1970 Markenweltmeister, der kleine Zuffenhausener Autobauer schloss damit endgültig zu den „Großen“ der Branche auf. Von Anfang an war somit klar, dass diesem Fahrzeug ein besonderer Platz im Museum gebührt. Wobei es sich beim 917er nicht um ein Fahrzeug handelt, sondern um eine (Klein-) Serie, denn der Wagen wurde kontinuierlich weiterentwickelt, bis seine steile Karriere ein jähes Ende fand. Stolz stehen die sechs Typen, die es vom 917er heute noch gibt, nebeneinander im Museum. Die Museumsmacher wollten dazu einen Film, der die Faszination des 917er auch für den heutigen Besucher spürbar macht. „Der 917er sollte emotional erlebbar werden. Aber es sollte auch rüberkommen, wie schwierig es für die Porsche-Ingenieure war, das Fahrzeug überhaupt auf der Straße zu halten“, erinnert sich Klaus Bischof, der bei Porsche für die historischen Fahrzeuge zuständig ist. Das Auto, so folgerten die Kreativen bei jangled nerves, musste unbedingt auf einer Rennstrecke zu sehen sein. Also schaute man sich die historischen Aufnahmen der Rennen aus den Jahren 1969 bis 1973 an. Doch die Enttäuschung der Filmemacher war groß. Nicht so sehr, weil das alte Material in einem technisch schlechten Zustand war (so etwas hätte sich richten lassen), sondern vielmehr, weil die Aufnahmen überhaupt nicht den heutigen Sehgewohnheiten entsprachen. „Die Original-Aufnahmen sind ziemlich statisch“, stellt Creative Director und jangled-nerves-Geschäftsführer Ingo Zirngibl fest. „Man bekommt überhaupt nicht mit, was für eine Wahnsinnsmaschine dieser 917er ist.“

Der 917er in Aktion
Ein neuer Film musste her, bei dem Perspektiven, Kamerabewegungen und Schnitt den heutigen Rezeptionsgewohnheiten entsprechen. Also: neu filmen. Mit dieser Idee sah sich das Team um Ingo Zirngibl mit zwei Schwierigkeiten konfrontiert. Zum einen gibt es einige der 917er-Modelle gar nicht mehr. Der Wagen wurde kontinuierlich weiterentwickelt, manchmal wurde aus einem Modell buchstäblich das nächste gebaut. Das zweite Problem war das Veto von Klaus Bischof. Der hatte (berechtigte) Angst um seine Fahrzeuge, denn es liegt auf der Hand, dass die rund vierzig Jahre alten Autos bei Geschwindigkeiten von über 300 km/h nicht gerade geschont würden. Damit war klar: der Film musste komplett als 3D-Film im Computer entstehen – aber aussehen sollte er wie echte Rennaufnahmen. Die Autos von damals sollten filmisch in die Jetzt-Zeit katapultiert werden. Mit einem Extrem-Breinwandformat von 1:3,5 (also der doppelten Breite eines 16:9-Bildschirms) wollte das Team von jangled nerves die Dynamik der Rennsituation unterstreichen. Flach, schnell und schmal – wie ein Porsche.
Erste und wichtigste Zutat eines Films über Rennautos sind die Autos selbst. Sie wurden in 3D modelliert. „Die Originalrisse der Fahrzeuge liegen leider nur teilweise vor“, stellt Ingo Zirngibl fest. „Ganz davon abgesehen, dass sie gar nicht mehr komplett erhalten sind.“ Man entschied sich also für den Weg des Image Based Modeling. Das jangled-nerves-Team ließ ab Ende 2007 alle vorhandenen Modelle des Porsche 917 fotografieren. Eines davon befand sich in Australien – auch davon ließ man Aufnahmen von Karosserie und Innenraum machen. Sechs von sieben Modelle wurden fotografiert, denn vom Ursprungsmodell aus dem Jahr 1969 gibt es kein Fahrzeug mehr, es existiert nur noch auf historischen Fotoaufnahmen. Die Fotos wurden in den „image modeler“ von Realviz eingeladen, und jedes Fahrzeug per Hand mit rund 2.000 Markern aus verschiedenen Perspektiven gekennzeichnet. Auf dieser Grundlage konnten die Polygon-Modelle berechnet werden. Für das Texturing griff das jangled-nerves-Team ebenfalls auf die Fotoaufnahmen zurück – nun zeigte sich, dass sich das intensive Fotografieren gelohnt hatte. Durch die fotorealistischen Maps wurden sogar kleine Beschädigungen wie beispielsweise Steinschläge übernommen. Ganz davon abgesehen, dass Supervisor Olivier „Xox“ Passemard seinen gesamten Ehrgeiz darin setzte, die historischen Wagen bis ins die Details der Gaspedale oder der Glühfäden der Scheinwerfer nachzubauen – realistischer kann man 3D-Modelle nicht gestalten. „Der Trick bestand darin, dass wir zunächst mit dem ‚image modeler’ den Kamerastandpunkt der Originalaufnahmen berechnet haben“, erklärt Xox. „Diesen Standpunkt konnten wir dann als virtuelle Quelle für die Map-Projektion benutzen.“ Xox’ Team arbeitete mit dem Maya-PlugIn „road kill“, einer schnellen und effizenten freien Software. Wie ein Tigerfell konnte damit die map zunächst flach gemacht werden. „Aber nicht zu flach“, betont Xox, denn auch die Unebenheiten auf der Karosserie und der Schattenwurf aus den Original-Fotos wurden übernommen. „Netterweise hat Andy Swann die Software für mich auf eine Linkshänderversion umprogrammiert“, erinnert sich Xox an die unendlichen Stunden vor dem Rechner.

Die Technik des 917er
Noch vor dem Modeling wurde ein Animatic hergestellt, das den Auftraggebern bei Porsche einen Eindruck des Films geben sollte. Das Team war so von der Technik des 917er beeindruckt, „dass der erste Film viel zu didaktisch wurde“, erinnert sich Zirngibl. Die technischen Daten des 917 sind tatsächlich beeindruckend: Er hatte anfänglich einen Hubraum von 4,5 Litern und eine Leistung von 383 kW (520 PS), das letzte Modell aus dem Jahr 1973 kommt mit Turboladern sogar auf 810 kW (1100 PS) bei 7800/min – und das bei einem Gewicht von gerade einmal rund 850 kg. Damit schaffte der Wagen über 400 km/h und hält den Beschleunigungsrekord: von 0 auf 100 in 2,1 Sekunden ist laut Guiness-Buch der Rekorde immer noch der beste Wert, den ein Rennwagen jemals erreichte. Der geniale Dreh der Porsche-Ingenieure war die Kühlung mit Luft. Ein riesiges Lüfterrad schaufelt 2.400 Liter Luft durch den Motor – pro Sekunde! Technik-Faszination hin oder her – Cutter und Animator Marcos Zevallos, Animation Supervisor Jürgen Haas und Ingo Zirngibl entschieden sich, ein dynamischeres Animatic mit Kombinationen aus Haas’ Skizzen und echten Rennaufnahme zusammenzuschneiden. „Wir haben Renn- und Straßen-Szenen aus der englischen Supercar-Fernsehserie ‚Top Gear’ verwendet, und damit bekamen wir zum ersten Mal ein Gefühl dafür, wie der Film wirklich aussehen sollte“, erinnert sich Zirngibl. „Zusammen mit den ersten Looks der 3D-Modelle haben wir die Animatics unseren Auftraggebern bei Porsche gezeigt – und für den Rest der Produktion grünes Licht bekommen.“ Intensiv abgestimmt wurde noch der Sprechertext, der als Handlungsgerüst des Films dienen sollte. „Ziel war es, ein faszinierendes Fahrzeug und die außergewöhnliche Ingenieurskunst der Porsche-Konstrukteure darzustellen. Insbesondere aber wollten wir die Bedeutung des Wagens im Rennsport zeigen“, fasst Ingo Zirngibl zusammen. Wie heißt es dazu im Film: „Der 917 ist unschlagbar. Ein Wagen, der eine ganze Ära des Motorsports prägt. Erst die Reglementierung der Spritmenge beendet die Karriere des starken, aber durstigen Renners.“ Schier unglaubliche 100 Liter auf 100 Kilometer soll der 917 geschluckt haben – wobei Rennsportfreaks noch heute weniger (umwelt-)technische Gründe als vielmehr die Chancenlosigkeit der Konkurrenz hinter der Spritbegrenzung vermuten.

Nachbau der Rennstrecke Le Mans – es kann keine andere Strecke geben, auf der die 917er im Film ihre Rennen fahren sollten. Die 24 Stunden von Le Mans sind das härteste Langstreckenrennen der Welt, und der Porsche-Rennwagen hat dieses legendäre Rennen zwei Mal gewonnen. Also baute jangled nerves den Rennkurs virtuell nach, auf der Grundlage von Luftbildern und unter Einsatz eines selbstprogrammierten Pflanzenmoduls für Maya. Als Nächstes wurden die Autos über die Piste geschickt. Alle sieben Wagen sollten den Kurs befahren. „Mit Key Frames hätte es nicht funktioniert“, stellt Xox fest. Er entschied sich deshalb für die Software Craft 4 – Wheeler Extend, bei der die Fahrzeuge einem Target folgen. Ähnlich wie auf einen echten Wagen wirken während der Fahrt physikalische Kräfte auf das 3D-Fahrzeug ein. Marcos Zevallos war für die „Fahraufnahmen“ zuständig; um die Aufnahmen noch realistischer zu gestalten, montierte er die (virtuelle) Kamera zum Teil auf ein unsichtbares Auto.
Für das Licht erwies es sich als glücklicher Zufall, dass es die HDRI-Technik (High Dynamic Range Images) zu diesem Zeitpunkt erstmalig auch für Maya geben sollte. Als Xox davon Wind bekam, wollte er das gesamte Projekt in V-Ray weiterbearbeiten. Ein Risiko, denn Anfang 2008 war V-Ray für Maya nur als Beta-Version zu bekommen. „Wenn da etwas schief gegangen wäre, hätte das einen enormen Verzug bedeutet.“ Letztlich hat aber alles geklappt. Vier HDRI-Vorlagen wurden schließlich verwendet, auf weitere Lampen oder Sonne ist komplett verzichtet worden. „Ohne V-Ray wäre es nicht möglich gewesen, den Film so schnell und so gut zu rendern“, lobt Xox das Tool.

Rendering
Satte 4:37 Minuten Film mussten gerendert werden. Dabei wurde auch auf die (geringe) Anzahl der Layer geachtet, „denn zu viele Layer machen das Bild schlecht“, so die Einschätzung von Xox. „Egal wie gut du renderst, die Ränder der Masken sind immer zu sehen.“ Im Endeffekt kam das jangled-nerves-Team mit vier Layern aus: Straße und Auto waren in einem Layer zusammgefasst, je ein Layer wurde für die Reifenspuren, den Himmel und den Z-Kanal (für die Tiefenschärfe und atmosphere) verwendet. „Mit Tiefenschärfe sind wir sehr vorsichtig umgegangen“, ergänzt Animation Artist Jörg Stierle. „Es sollte nicht zu viel Bewegungs- und Tiefenunschärfe im Bild sein, wir wollten einen modernen, scharfen Look im Bild.“ In After Effects wurde dem Look dann der letzte Schliff gegeben. „Auch hier haben wir weitestgehend auf Effekte verzichtet. Bis zum letzten Arbeitsschritt sollte die Idee, die Porsche-Autos möglichst pur zu präsentieren, konsequent umgesetzt werden.“ Bei einer Auflösung von 1600 x 452 Pixel und rund 7.000 Frames brummte der Rechner-Park von jangled nerves noch einmal so richtig, bevor der Film dann pünktlich zur Abnahme zu Porsche ging – und am 30. Januar 2009 als einer der Höhepunkte des neuen Museums der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. Der Kunde war zufrieden: „Die Qualität des Films ist sensationell. Den 917er in einer solchen Dynamik zu zeigen, das ist hervorragend umgesetzt“, stellt Porsche-Mann Klaus Bischof fest. Schnell wurde auch klar: „Der 917er-Film kommt beim Publikum hervorragend an. Und das will was heißen, denn wir haben ein sehr fachkundiges Publikum.“
jangled nerves hatte bereits vor dem Porsche-Film hochwertige 3D-Filme produziert, zum Beispiel für das Mercedes-Museum und verschiedene historische und archäologische Museen. „Aber dieser Film besticht durch seine absolute Liebe zum Detail", stellt Ingo Zirngibl fest. „Und er ist trotz seines didaktischen Anspruchs zu 100 Prozent emotional.“ Credits „Porsche 917”

4:37 Minuten, Bildformat 1:3,5
Produktionszeitraum: November 2007 bis Dezember 2008
Creative Director: Ingo Zirngibl
3D Supervisor/Shading/Texturing: Olivier „Xox” Passemard
Modeling: Stefanie Ehmann
Animation/Editing: Marcos Zevallos
Texturing: Nils Mitschke
Compositing: Jörg Stierle
Animatics/Animation Supervisor: Jürgen Haas
Text: Martin Frei-Borchers, Karen Thilo
Auftraggeber: Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG


Über jangled nerves

jangled nerves konzipiert und produziert Kommunikationslösungen im Raum, von Ausstellungen, Messen und Showrooms bis hin zu Museen. jangled nerves arbeitete u. a. für das Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Mercedes Benz, Porsche, das Europäische Parlament, Alno, Deutsche Telekom, Baedecker, O2, das Westfälische Landesmuseum für Archäologie, adidas, die cinemathèque francaise und Audi. Das zweite Standbein der Stuttgarter Firma ist die Konzeption und Produktion von Animated Media; dabei reicht die Palette vom klassischen Trickfilm bis zur hochkomplexen 3D-Computeranimation. jangled nerves beschäftigt über zwanzig feste Mitarbeiter und mehr als 40 freie. Geschäftsführende Gesellschafter sind Thomas Hundt und Ingo Zirngibl.

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