Luigi! Pizza, pronto!
Was passieren kann, wenn man monatelang neben dem Studium als Filmvorführer in einem 3D-Kino arbeitet und dann auch noch Mediendesign studiert, beweist Florian Werzinski mit seiner Abschlussarbeit »Luigi’s Pizzaride 3D«. Die rasante Fahrt durch eine italienische Stadt zeigt, dass es eben auch sein Gutes haben kann, wenn man immer und immer wieder dieselben Filme sehen muss.
Als Florian Werzinski im Juli 2010 auf der Suche nach einem Thema für seine Diplomarbeit im Studiengang Mediendesign an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg war, kam ihm sein alter Studentenjob in den Sinn. Als Filmvorführer in einem 3D-Kino hatte er dabei stundenlang dieselben Filme gesehen, die die Fähigkeiten des 3D-Films zeigen sollten und deshalb vor allem eines beinhalteten: Motionrides. Auf den immer gleichen Schienen fuhr die Kamera durch die immer gleichen Landschaften, vorbei an allerlei in 3D beeindruckenden Objekten.
Schon damals dachte sich der Student: „Das kann ich auch!“ Und als dann auch noch klar wurde, dass alle seine Kommilitonen schon in anderen Projekten steckten und er seine Diplomarbeit würde alleine bewältigen müssen, war die Idee für „Luigi’s Pizzaride“ geboren. Doch bei allen Anleihen an die Motionride-Filme aus jenem Kino: Die rasante Fahrt des Pizzaboten Luigi durch eine italienische Stadt, verfolgt von der Polizei, ist um einiges fantasievoller und spannender als die eintönigen Vorlagen.
Recherche vor Ort
Ende Juli hatte Werzinski die ersten Entwürfe, Designs und ein grobes Storyboard fertig, Material, mit denen er seine Professoren von dem ehrgeizigen Projekt überzeugen konnte. Den August über arbeitete er an einer Previz, und flog dann Anfang September für zehn Tage nach Italien. Denn Luigi sollte nicht durch irgendeine Fantasie-Landschaft rasen, sondern durch realistische italienische Straßen.
Also machte der Student Dutzende Fotos von italienischer Architektur, Autos und Leuten, die als Referenzen für seinen Film würden dienen können. Daraus entstand eine Asset-Bibliothek für Architektur, Character-Design, Texturen und Shadern, mit denen sich später ganz einfach Szenen zusammenbauen ließen. Nach der Fertigstellung der Modelle folgte die Animation: Anhand des Storyboards animierte der Student jede Einstellung mit Hilfe eines Plug-ins für realistische Fahrphysik, mit dem sich die Fahrzeuge wie in einem Computerspiel steuern ließen und das deren Fahrten dabei aufnahm. Das Ergebnis war eine erste 2D-Version des fertigen Films. Für die 3D-Produktion verwendete Werzinski ein Script, das der 2D-Kamera einfach ein 3D-Kamera-Rig aufsetzte. So entstand eine erste Vorschau des Films in Stereo 3D auf der Basis von OpenGL-Echtzeitrenderings der beiden 3D-Kameras.
Hochschul-Renderfarm
Für das fertige Rendering fiel die Wahl schnell auf V-Ray als Rendering-Engine, mit der Werzinski bereits gute Erfahrungen gemacht hatte. Großer Vorteil war die Möglichkeit, die indirekte Beleuchtung jeder Szene in einer separaten Datei ablegen und später für jeden Frame einzeln laden zu können. So musste die Beleuchtung jeweils nur einmal berechnet werden. Weiterer Vorteil von V-Ray war die Möglichkeit, auch mit einer Education-Lizenz auf ein Rendernetzwerk zurückgreifen zu können.
Denn so konnte Werzinski die Möglichkeit nutzen, an seiner Hochschule eine eigene Renderfarm aufzubauen. Dort war es ihm möglich, in der Nacht zwischen acht und fünfzehn Rechner der Hochschule zu nutzen. Rechenpower, die sein Projekt dringend benötigte. Denn „Luigi’s Pizzaride“ wollte er in Stereo-HD produzieren. Pro Nacht entstand so eine Einstellung. Für das Compositing entwickelte Werzinski ebenfalls einen passenden Stereo-3D-Workflow. Dabei setzte er jedes Bild aus Hinterund Vordergrund zusammen. Jede dieser beiden Ebenen wiederum bestand aus einem Beauty-Pass, einem Velocity-Pass und einem Z-Depth-Pass. Dadurch wurde eine möglichst korrekte Anwendung des Vektor-Motionblurs und des „Depth of Field“-Effekts ermöglicht.
Am Ende wurde alles zusammengesetzt und globale Effekte wie zum Beispiel das Grading zugefügt. Diese Komposition wurde dupliziert und die File Inputs jeweils durch die des rechten Auges ersetzt. Weil Werzinski zu diesem Zeitpunkt kein 3D-Viewer-System zur Verfügung stand, konnte er das Ergebnis lediglich als Standbild mit einer Rot-Cyan-Brille überprüfen. Für das Ausspielen erhielt Werzinski deshalb Hilfe durch das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) aus dem benachbarten Erlangen. Das stellte ihm die eigentlich kommerzielle easy DCP Suite zur Verfügung. Damit konnte der Student seinen Film als 2K stereo DCP formatieren und in voller Auflösung und jeglicher Ausgabeform in Echtzeit abspielen, egal ob anaglyph, Side by Side, oder ob optimiert für Shutterbrille oder Polfilter. Damit hatte er auch besseren Einfluss auf das Grading, weil er nun mit einem kalibrierten Monitor das Endergebnis genau so betrachten konnte, wie es später in einem Kino aussehen würde.
Denn das war genau das Ziel: Werzinski präsentierte seinen Film in eben jenem 3D-Kino, in dem alles angefangen hatte. Auf zwei großen, professionellen Christie-Beamern zeigte der Student sein Werk vor einem Publikum aus Professoren und Kommilitonen, einen Film, bei dem er vom ersten Storyboard bis zum Ausspielen der eigenen Kinokopie praktisch alles selbst gemacht hatte.